Jetzt weiss er, wie er wirkt, Tages-Anzeiger vom 06.02.2010
Die kleine Geschichte
Ein Jungpolitiker aus Illnau-Effretikon tritt auf Youtube auf – und bekommt Schelte.
In und um Zürich schiessen die Wahlplakate aus dem Boden. Schliesslich sind diesen Frühling Erneuerungswahlen für die Stadt- und Gemeindebehörden. Der Wahlkampf nähert sich der heissen Phase – ausgefallene Ideen und Begebenheiten sind angesagt. Seit dieser Woche ist auch das Illnau-Effretiker Politgeschehen um ein Müsterchen reicher – obwohl die Protagonisten versichern, dass die Angelegenheit mit dem Wahlkampf nichts zu tun habe.
Und das war so: Zu Beginn der Sitzung des Stadtparlaments – in Illnau-Effretikon Grosser Gemeinderat genannt – gab SVP-Gemeinderat Daniel Artho eine persönliche Erklärung ab. Er wolle an den Artikel 25 der Geschäftsordnung des Gemeinderates erinnern, wonach optische und akustische Aufnahmen im Sitzungssaal während der Ratssitzung nur mit Erlaubnis des Büros des Parlaments gestattet seien. Deshalb wundere er sich, so Artho weiter, auf Youtube einen Sitzungsmitschnitt zu finden – sprachs und setzte sich wieder.
Das Votum sorgte allenthalben für ratlose Gesichter, sodass sich Artho schliesslich genötigt sah, seine Andeutungen zu erläutern: In seinem Bestreben, sich auf dem Laufenden zu halten, sei er auf Youtube zufällig auf zwei Filmlein gestossen. Diese zeigten den jungliberalen Ratskollegen Philipp Wespi am Rednerpult bei der Begründung seiner Interpellation zum möglichen Abriss einer Liegenschaft in Illnau und der Neugestaltung des dortigen Dorfplatzes im Oktober 2008, erklärte Artho.
Die Jungliberalen, die sich im gegenwärtigen Wahlkampf als moderne und innovative Vertreter der jungen Generation darstellen, nutzen für ihre Arbeit das Internet fleissig. Youtube und Facebook sind auch bei anderen Parteien längst anerkannte Instrumente, wenn es darum geht, sich die Gunst des Wählers zu sichern.
Trotzdem waren Wespi – er kandidiert dieses Jahr für den Stadtrat – die Worte seines Ratskollegen offensichtlich unangenehm. Er nutzte den an die Sitzung anschliessenden Apéro, um den unglücklichen und scheinbar ziemlich einmaligen Vorfall zu erklären. «Ich wollte schon immer wissen, wie ich vor Publikum wirke», sagte er. Deshalb habe er seinen Sitznachbarn und Parteikollegen Livio Piatti gebeten, mit einem iPhone eine Filmaufnahme zu machen.
«Das Gerät gab es zu jener Zeit bei uns noch gar nicht», sagte Philipp Wespi. Er habe es sich eigens von einem Kollegen ausgeborgt, der es in Amerika gekauft hatte.
Dieser Kollege sei dann auf die Idee gekommen, den Film – statt zu mailen – auf Youtube aufzuschalten. «Ich habe mir den Film angesehen, und damit war die Sache für mich rledigt», beteuerte der Jungpolitiker ziemlich zerknirscht. Etwas später sei er dann unvermittelt auf den Film angesprochen worden – und auch auf die Tatsache, dass eine solche Aufnahme aus dem Parlamentssaal problematisch sein könnte. Er habe seinen Kollegen daraufhin sofort gebeten, den Film aus Youtube zu entfernen – aber das Internet vergisst eben nicht so leicht.
Inzwischen ist der Film wirklich gelöscht worden – diesmal gründlich. Wer gestern Wespi am Rednerpult noch einmal bewundern wollte, stiess auf der betreffenden Youtube-Seite nur noch auf die Meldung: «This video has been removed by the user» (Dieser Film wurde vom Benutzer entfernt).
Damit dürfte die Sache für den jungen Politiker erledigt sein. Sie schreibe den Film jugendlichem Übermut zu, kommentierte Ratspräsidentin Ruth Zubek (CVP) die Angelegenheit. Und Daniel Artho versicherte seinem Ratskollegen noch im Parlamentssaal, dass es ihm nicht darum gegangen sei, ihn anzuschwärzen. Es ist Wahlkampf – ein Schuft, wer Böses dabei denkt . . . [Andreas Frei]
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