Kandidaten, die neben ihrer Partei stehen – Landbote vom 22.02.10

Welcher Illnau- Effretiker Gemeinderatskandidat politisiert ganz rechts, welcher ganz links? Sind die Liberalen so liberal, wie es der Parteiname vorgibt? Antworten auf solche Fragen liefert Smartvote – und deckt mitunter Überraschendes auf.

ILLNAU-EFFRETIKON – Sie sind zahlreich: Nicht weniger als 164 Personen streiten sich am 7. März um 36 Sitze des Grossen Gemeinderates in Illnau- Effretikon. Insgesamt zehn Parteien wollen im Parlament mitmischen. Das sind drei mehr als noch vor vier Jahren. Erstmals bewerben sich die Grünliberalen (GLP), Jungsozialisten (Juso) und die Bürgerlich-Demokratische Partei (BDP) um Sitze. 

Wer sich rasch einen Überblick in der Illnau- Effretiker Politlandschaft verschaffen will, kann auf die Onlineplattform Smartvote zugreifen. Auf www.smartvote.ch haben Kandidaten ihre Antworten auf verschiedene Fragen hinterlegt. Anhand dieser Antworten hat ein Team von unabhängigen Wissenschaftlern politische Profile erstellt. Interessierte Wähler können diese Profile mit ihren eigenen vergleichen. Bis gestern haben sich 104 (63 Prozent) der 164 Kandidaten registriert. Insgesamt 528 Wahlempfehlungen wurden bisher ausgestellt. 

Eine sogenannte Smartmap zeigt auf der Homepage, dass einzelne Kandidaten teilweise stark von ihrer Parteilinie abweichen (siehe Grafik). Das sei nicht sehr überraschend, sagt Simon Bart, Projektmitarbeiter von Smartvote. «Bei Themen in den Gemeinden lassen sich die Kandidaten weniger in ein Parteiprogramm einordnen.» Sie seien spontaner in ihren Meinungen, besonders die Mitglieder der Jungparteien. «Ausreisser» würden weniger auffallen. Und: «Die Leute wählen die Kandidaten, weil sie sie kennen.» Nachfolgend einige Beispiele von besonders auffälligen oder exzentrischen Gemeinderatskandidaten: 

Die Extremen: Auf der Links-Rechts-Achse ist Fabian Molina (Juso) der linkeste. Der 19-jährige Gymnasiast würde sich selbst nicht als «Linksextremist» bezeichnen. Dass die Juso links von ihrer Mutterpartei positioniert ist, ist typisch. «Wir sind nicht in der Regierung eingebunden und können dadurch kritischer und näher an unserer Basis politisieren», sagt er. 

Secondo gegen Stimmrecht 

Am weitesten rechts politisiert Marco Nuzzi (1981, JLIE). Schaue er sich seine Antworten auf die Fragen an, «dann stimmt das sicher», sagt er. Nach rechts gezogen hat ihn etwa das «Nein» zum Ausländerstimmrecht. Er sei zwar selbst ein Secondo. Aber «wenn einer abstimmen will, dann soll er sich einbürgern lassen», findet er. 

Unter die Extremen lassen sich auch Peter Stiefel (1974, FDP) und Livio Piatti (1982, JLIE) einordnen. Sie sind in ihren jeweiligen Parteien die liberalsten. Stiefel erachtet es «als eine Ehre», Piatti muss schmunzeln. «Ich bin wohl der einzig wirklich Liberale in meiner Partei.» 

Zu den konservativsten gehören Martin Käser (1958, FDP) und Marcel Balmer (1989, JLIE). Dies ist eher überraschend, gehören sie doch einer liberalen Partei an. Käser sagt etwa «Nein» zu 24-Stunden-Tankstellenshops: «Das ist übertrieben. Es braucht gewisse Ruhezeiten für das Personal.» Und Balmer räumt ein, dass er sich wohl mit einigen Fragen zu wenig auseinandergesetzt habe. «Zum Personenfreizügigkeitsabkommen würde ich heute eher Ja sagen.» (Vorher Nein.) 

Sonstige Ausreisser: Rahel Weber (1987, EVP) ist für ein Mitglied einer Mittepartei aussergewöhnlich konservativ. «Ich habe nicht auf die Parteilinie geschaut», erklärt sie. So ist sie etwa gegen ein neues Kinderhaus in Illnau. «Wenn man Kinder hat, sollte man sich um sie kümmern und sie nicht abschieben.» 

Zu den rechtesten Linken gehören Salome Wyss (1979, SP, kandidiert auch für den Stadtrat), Robert Graf (1948, Grüne) und Jürg Roshard (1968, parteilos auf der SP-Liste). Wyss relativiert: Je nach Antwort könne es auf die eine oder andere Seite ausschlagen. Die Stadt solle etwa nicht mehr Geld für Arbeitsintegrationsprogramme ausgeben, findet sie. «Und zwar, weil die Stadt das schon gut genug macht.» 

Graf sagt von sich selbst, dass er mit beiden Füssen auf dem Boden steht. «Grün Ja, aber nur dort, wo es Sinn macht und die Dinge realisierbar sind.» Und Roshard findet: «Ich bin pragmatisch.» So ist er etwa dagegen, dass sich die Stadt für eine soziale Durchmischung beim Projekt «Mittim» einsetzt. «Das soll der Markt entscheiden. Die Stadt darf das nicht via Gestaltungsplan vorgeben.»  (Nadja Ehrbar) 

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