Illnau-Effretikon bringt Pioniere hervor, Landbote 10.03.2010
Illnau-Effretikon hat eine Vorreiterrolle: Am Sonntag gelang Philipp Wespi der Einzug in den Stadtrat. Damit ist er der jüngste jungliberale Exekutivpolitiker der Schweiz. Martin Graf wurde im Jahr 1998 erster grüner Stadtpräsident.
ILLNAU-EFFRETIKON– «Historischer Wahlsonntag für die Jungfreisinnigen», titelte die Zürcher Kantonalpartei auf ihrer am Montag verschickten Medienmitteilung. Die jungfreisinnigen Kandidaten in verschiedenen Zürcher Gemeinden hatten bei den Erneuerungswahlen allesamt gute Resultate erzielt. In Uster etwa schaffte Ivo Koller (Jahrgang 1980) auf Anhieb den Sprung ins Stadtparlament.
In Illnau-Effretikon konnten die Jungliberalen (JLIE) ihre drei Sitze im Grossen Gemeinderat halten und sind nun mit der FDP und den Grünen die drittstärkste Kraft in der Stadt. Dass der Wahlsonntag für die Jungfreisinnigen ein «historischer» war, haben sie dem neu gewählten Stadtrat Philipp Wespi zu verdanken. Der 28-jährige Illnauer, der seit 2006 für die JLIE im Parlament politisiert, ist schweizweit der jüngste jungfreisinnige Exekutivpolitiker einer Parlamentsgemeinde. In Genf schaffte Pierre Maudet im Jahr 2007 den Sprung in die Regierung – er war damals 29 Jahre alt.
«Wir haben Vertreter in diversen kleineren Exekutiven», sagt Lena Schneller, ehemalige Präsidentin der Jungfreisinnigen Schweiz, auf Anfrage. «In den grösseren Städten ist das aber selten. Und im Kanton Zürich hat das in den letzten Jahren niemand geschafft.» Als Beispiele nennt sie Mario Stegmann, der als 25-Jähriger Gemeindepräsident von Studen BE wurde. Oder Norbert Stichert, der mit 27 den Sprung in den Gemeinderat von Untersiggenthal AG schaffte.
Maudet wie auch Stichert konnten aber auf die Unterstützung der FDP zählen. Sie haben den Wahlkampf unter dem Label beider Parteien (FDP und Jungfreisinnige) geführt. In Illnau-Effretikon war das anders. Die FDP hatte ihren eigenen Auftritt. Ihre beiden Stadtratskandidaten André Bättig und Erika Klossner schafften die Wiederwahl problemlos.
Auffälliger Wahlkampf
Die Tatsache, dass sie eine eigene Partei seien, die auch ihren eigenen (und viel auffälligeren) Wahlkampf hatte, sei «mitschuldig» an ihrem Erfolg, glaubt Philipp Wespi. «Wir waren mit diversen Aktionen präsent, auch im Internet.» Damit hätten sie vor allem junge Wähler abholen können. Ein weiterer Grund für das gute Abschneiden sei, dass sie keinen Rucksack mit sich herumtrügen. Mit anderen Worten: «Es gibt keine nationale oder kantonale Partei, die etwas verbocken könnte.» Der Wähler nehme sie als lokale Partei wahr, die glaubwürdig politisiere und – getreu dem Wahlkampfmotto – «Nägel mit Chöpf» mache.
Wespi hat sich am Montagnachmittag im Stadthaus bereits in die ersten Dossiers eingelesen. Am Donnerstag darf er mit der ebenfalls neu gewählten und 30 Jahre jungen Salome Wyss (SP) eine Stadtratssitzung besuchen – vorerst aber nur als Zuhörer. Sobald er sein Amt angetreten hat, will der Controller und Personalverantwortliche in einem Zürcher Technologieunternehmen sein Arbeitspensum entsprechend reduzieren.
Wespi ist nicht der einzige «Pionier», den die Stadt Illnau-Effretikon hervorgebracht hat. Martin Graf wurde im März 1998 erster grüner Stadtpräsident der Schweiz. Graf erklärt sich dies «mit einer gewissen Bereitschaft zur Pilotfunktion» und dem Willen, sich aufs Experimentieren einzulassen. «Das liegt auch in meinem Naturell», sagt er. Er probiere gerne Neues aus. Dabei betreibe er keineswegs eine Risikopolitik, sondern setze auf Dinge, von denen er auch glaube, dass sie funktionierten.
Dass die Stadt «Gutes einfach mal testet», sei auch auf sämtliche weiteren Stadträte zurückzuführen. «Sie sind sehr innovativ und tragen die Projekte mit.» So hat der Stadtrat das von einem Privaten initiierte Projekt einer Windkraftanlage sofort unterstützt. Auch gehört die Stadt zu den zehn ersten Gemeinden, die das Label Energiestadt erhielten. 1997 wurde es erstmals verliehen, 1998 ging es an Illnau-Effretikon. [NADJA EHRBAR]
Berichterstattung des Landboten vom 10.03.2010 als PDF-Dokument